Fotografie, Interviews

Grit Siwonia – Emotionen kann man nicht retouchieren…

14. August 2011

… und damit hat sie meiner Meinung nach vollkommen recht. Mit diesen Worten möchte ich euch Grit Siwonia, eine Fotografin aus Berlin vorstellen.

Schon seit einiger Zeit verfolge ich ihre Bild-Pinnwandeinträge auf ihrer Facebook-Seite und wurde immer wieder aufs Neue überrascht, wieviel Emotion doch in ihren Bildern steckt. Wer diese Bilder betrachtet kann sich nur schwer vorstellen, dass ihr Hauptberuf nicht die Fotografie ist. Wie sie selbst über sich sagt, erhält sie allerdings so die große Freiheit, nur das zu fotografieren, was sie wirklich gern vor ihrer Kamera sehen möchte.

„Bildbearbeitung ist zweitrangig. Emotionen kann man nicht retuschieren“ Grit Siwonia

Ich wollte mehr über ihren fotografischen Werdegang wissen und so habe ich Grit im Rahmen eines Interviews ein paar Fragen gestellt.

BlogTimes: Du schreibst auf deiner Webseite, dass du Autodidaktin bist. Wie ist Dein Interesse an der Fotografie geweckt worden?
Grit Siwonia:
Es begann vor reichlich vier Jahren in Dresden. Ich hatte damals schon eine analoge Spiegelreflexkamera, deren Einsatz sich allerdings auf „Ich knippse Urlaubsbilder im Automatikmodus“ beschränkte. Irgendwann in dieser Zeit wollte ich unbedingt Bilder von mir haben und suchte Fotografen in Dresden. Ich traf auf Claudia Gallwitz, heute eine sehr gute Freundin von mir. Sie hat Bilder von mir gemacht und ich habe gemerkt, welch unheimlich emotionale Wirkung das haben kann. Damit begann der Zauber.

BlogTimes: Wer deine Webseite besucht, wird schnell deinen Themenschwerpunkt erkennen. Die Porträtfotografie. Was fasziniert Dich daran?
Grit Siwonia: Fotografie ist Kommunikation für mich. Ich spreche mit den Menschen, die ich fotografiere. Ohne Kamera vor dem Shooting, mit Kamera währenddessen und ohne Kamera danach. „Sprechen“ beschränkt sich dabei allerdings nicht auf Worte. Die Kommunikation verläuft häufig über Blicke und Gesten. Ich gebe wenig bis keine Anweisungen beim Fotografieren, möchte nicht selbst eingreifen. Diese Situation ist für viele Menschen ungewöhnlich – man erwartet das nicht, wenn man „zum Fotografen“ geht. Ich habe versucht, Akt oder Mode zu fotografieren, habe aber recht bald festgestellt, dass meine Lieblingsbilder die ungeschminkten Gesichter sind. An denen bleibe ich nach dem Shooting bei der Bildauswahl hängen. Genauso geht es mir bei Bildern anderer Fotografen. Es sind die Porträts, die mich berühren, die mich erinnern und die mich zum Lachen oder Weinen bringen.

BlogTimes: Dein Portfolio umfasst ausschließlich Aufnahmen von Frauen – Gibt es hierfür einen besonderen Grund?
Grit Siwonia: Ausschließlich ist nicht ganz richtig, es gab durchaus ein paar Männer, die ich fotografiert habe. Dennoch sind die Frauen in der Überzahl. Das liegt das wohl einfach an der Tatsache, dass deutlich mehr Frauen bereit sind, sich fotografieren zu lassen. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich selbst eine Frau bin und mir die Kommunikation mit der Frau vor meiner Kamera von Grund auf vertrauter ist als mit einem Mann.

BlogTimes:  Selbst bei längerem Betrachten Deiner Aufnahmen, wirken die Aufnahmen nicht gestellt, sondern strahlen eine Ruhe aus und wirken dennoch ausdruckstark. Was ist das Geheimrezept für Deinen fotografischen Stil?
Grit Siwonia: Das ist eine schwierige Frage, die ich schön häufiger gestellt bekommen habe. Vielleicht ist es tatsächlich die Tatsache, dass ich den Menschen vor meiner Kamera keine Anweisungen gebe. Sie sollen so sein, wie sie normalerweise sind, dabei allerdings vergessen, dass eine Kamera im Raum ist. Es erfordert Geduld, Nähe, Wohlfühlen, Einfühlen, Fallenlassen. Ich muss das lieben, was ich vor meiner Kamera sehe. Ich habe keinen „Plan“, wenn ich fotografiere. Kein Konzept. Die Bilder sind am Ende eine Mischung aus meinen Emotionen und denen der Menschen davor. Ich kann heute noch nicht sagen, wie die Bilder, die ich am 16. September 2011 machen werde, aussehen. Ich weiß heute weder, wie es mir an diesem Tag gehen wird noch kenne ich die Verfassung des Menschen vor meiner Kamera.

BlogTimes: Wie hast Du all diese sehr attraktiven Frauen für Deine Art der Porträtfotografie gefunden und begeistert?
Grit Siwonia: Die Menschen vor meiner Kamera sind Freunde, Fremde, echte Modelle, Musiker, häufig auch in Kombination. Das Internet spielt eine große Rolle dabei und meine Herangehensweise hat sich seit vier Jahren nicht verändert. Wenn ich Menschen spannend finde, dann frage ich sie, ob sie vor meiner Kamera stehen wollen.

BlogTimes: Deine Natürlichkeit der Aufnahmen scheint sich auch auf Deine Lichtsetzung auszuwirken. Verwendest du ausschließlich natürliche Lichtquellen?
Grit Siwonia: In den meisten Fällen schon, es gibt ein paar wenige Bilder, bei denen ich Kunstlicht verwendet habe, dann allerdings immer ohne Blitz. Ich habe mit Studiofotografie begonnen, allerdings recht schnell gemerkt, dass ich mich in gewohnter Umgebung und mit available light deutlich wohler fühle.

BlogTimes: Ein bisschen Technik gehört genauso zur Fotografie, wie der Auslöser zur Kamera. Bist du ein „Kind“ der digitalen Fotografie oder auch der analogen Welt zugetan? Spielt die Bildbearbeitung eine große Rolle für Dich?
Grit Siwonia: Ich bin eindeutig ein Kind der digitalen Fotografie, was nicht bedeutet, dass ich analog nicht mag. Ich habe einen sehr guten Freund, der sehr viel analog fotografiert. Ich mag es jedes Mal, die prints zu sehen. Sie haben einen ganz eigenen Charme. Dennoch bleibe ich zumindest vorerst bei der digitalen Fotografie, wohl schon deshalb, weil ich extrem ungeduldig bin nach einem Shooting. Ich ziehe die Bilder sofort auf den Rechner – egal, wie spät es ist und wie früh ich aufstehen muss. Bildbearbeitung ist zweitrangig. Emotionen kann man nicht retuschieren.

BlogTimes: Ich habe Dich via Facebook gefunden – Spielt Social Media eine große Rolle für Dich als Fotografin oder benutzt du es nur um Deine Werke zu präsentieren?
Grit Siwonia: Ich benutze es natürlich, um meine Fotos zu präsentieren, habe die „facebook-fan-Seite“ als Mittel gefunden, um die Menschen an meinen Fotos teilhaben zu lassen, ohne, dass ich den Rest meines Lebens mit ihnen teile. Ohne social media hätte ich die meisten Menschen, die mich heute im realen Leben begleiten, nie getroffen.

BlogTimes: Bei so vielen hervorragenden Aufnahmen fällt es mir schwer, meinen Favoriten zu finden. Aus diesem Grund gebe ich folgende Frage an Dich zurück. Hast Du einen Favoriten aus Deinem Portfolio und warum?
Grit Siwonia:
Mir fällt es ebenso schwer. Meine Favoriten verändern sich. Ich glaube, es ist derzeit tatsächlich ein Bild, welches erst letzte Woche mit Sally hier über den Dächern von Berlin entstanden ist. Die Stadt ist zu meiner geworden, ich fühle mich hier sehr wohl, habe wunderbare Menschen kennengelernt und nehme Dinge viel bewusster wahr als noch letztes Jahr. Dieses Bild zeigt das sehr deutlich.

BlogTimes: Abschließend möchte ich Dir noch die 4 W-Fragen stellen. Welches war Dein schönstes Erlebnis beim Fotografieren? Was, Wen oder Wo würdest Du gerne mal fotografieren?
Grit Siwonia: Ein schönstes Erlebnis kann ich nicht definieren. Es sind so viele schöne Dinge passiert. Ich war Menschen sehr nah und bin dankbar dafür, diese Momente geteilt zu haben. Es lässt sich nicht auf ein einzelnes Erlebnis reduzieren. Vielleicht sind die schönsten Momente beim Fotografieren sogar die, in denen man die Kamera weglegt, weil es wichtiger ist, ohne Linse dazwischen miteinander zu sprechen. Ich möchte weiter Menschen fotografieren, Dave Gahan wäre mein Traum. Depeche Mode begleitet mich seit Jahren musikalisch – auch beim Fotografieren. Einen bestimmten Ort, an dem ich gern fotografieren möchte, habe ich nicht. Nahe und berührende Bilder können überall entstehen.

Liebe Grit, vielen Dank für dieses tolle Gespräch. Ich wünsche Dir weiterhin so viel Erfolg und Spaß an Deinen Arbeiten. Zu sehen sind ihre Aufnahmen auf www.grit-siwonia.de

Hier noch ein fotografischer Teaser
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2 Kommentare

  • Antwort lichtbildwerkerin 16. August 2011 um 10:53

    Ein interessantes Interview. Ich habe mir das Portfolio angesehen und es gleich dreimal durchgeblättert, tolle Bilder!

  • Antwort Luana C. 15. September 2011 um 15:32

    Ich bin begeistert von dem Interview, sowie von den Fotos.
    Da ich mich noch nicht so lange intensiv mit dem fotografieren befasse, lerne ich immer wieder von gewissen Aussagen.
    Wirklich wundervolle Fotos, die Gefühle sind wie beschrieben deutlich zu erkennen.
    Kompliment!

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