Fotografie, Nachgedacht

Minimalistik in der Fotografie…

18. Januar 2013

…bedeutet für mich, ich konzentriere mich bei einer Vielzahl meiner Aufnahmen nur auf einen einzigen Bildbestandteil und versuche diesen bestmöglich darzustellen, sodass sich der Betrachter letzten Endes hauptsächlich auch nur auf diesen Einen Bildbestandteil konzentriert.

Warum eigentlich? Was ist der Reiz? Was ist die Schwierigkeit und wie findet man solche Motive? Um euch nicht nur ein paar Zeilen trockenen Text zum Lesen zu geben, hab ich mein bisheriges Portfolio durchstöbert um euch auch ein paar visuelle Eindrucke zu verschaffen. Die Warum-Frage, nun wenn ich nicht fotografiere bin ich Betrachter, bin im Netz unterwegs, schaue mir Portfolien anderer Fotografen an. Immer dann fällt mir selbst auf, dass ich eher nach den minimalistischen Fotografien suche. Ich mag einfach die konkrete Bildaussage dahinter, denn so muss mich als Betrachter nicht durch so manches visuelle Chaos wühlen. Durch die Minimalistik sehe ich auf den ersten Blick was der Fotograf darstellen möchte. Sei es beispielsweise einsamer Steg in der Meeresbucht, am Ufer eines Sees oder aber ein einzelner Mensch, der aus der Menge heraussticht oder das einzige Lebewesen in der gesamten Aufnahme ist, das einzelne Fahrzeug auf einer einsamen Straße usw…

Was ist der Reiz dieser Art der Fotografie. Zum einen sind es Aufnahmen, die eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Zum anderen sind es im Grunde immer authentische Bilder, denn nichts ist gestellt! Gerade wenn der menschliche Aspekt in der Aufnahme vorkommt, kann man die Planung eigentlich vergessen und das macht sie so interessant für mich. Ich war letztes Jahr an der Südküste Englands unterwegs und stehe auf einer Kaimauer, etwas Abseits von meinen Fotokollegen Nils, mit dem ich die Reise unternommen hatte. Baue die Kamera auf, konzentriere mich auf die Landschaft, die Linien der Mole, das Wasser und die Wolken. Das Wetter war gerade zu prädestiniert für eine Langzeitbelichtung – für eine minimalistische Landschaftsaufnahme. Ich mache die erste Aufnahme. War eigentlich schon zufrieden und drückte sicherheitshalber noch ein zweites Mal auf den Auslöser. Ich war gerade im Begriff die Kamera wieder einzupacken, da tauchte plötzlich aus dem Nichts ein Spaziergänger auf, ging an mir vorbei in Richtung Meer, also ans Ende der Kaimauer. Da schoss es mir durch den Kopf, dass wird oder soll mein bildwichtiges Element sein. Durch die vorhergehende Langzeitbelichtung hatte ich ohne es zu wissen die Grundlage für die finale Aufnahme erschaffen. Mir blieb nicht viel Zeit, genau genommen hatte ich zwei Möglichkeiten, entweder die Person auf dem Weg hin zum Meer oder auf dessen Rückweg zu fotografieren. Da ich wusste, dass ich diese Aufnahme in die andere integrieren musste, wollte ich auch nicht das Objektiv wechseln, um die Person am Ende der Mole zu fotografieren, wie sie beispielsweise auf das Meer hinausblickt. Zu aufwendig wäre für mich die nachträgliche Bearbeitung gewesen. Ich habs nicht so mit dem Freistellen…

Um die ganze Geschichte abzukürzen. Ich verwendete eine zentel Sekunde um die Bewegung der Person darzustellen, sie aber nicht zu dominant durch eine kurze Verschlusszeit wirken zu lassen. Durch die leichte Unschärfe verbindet sie sich schön mit der Basis-Langzeitbelichtung. Heraus kommt in meinen Augen sehr minimalistische Aufnahme (auch wenn sie ursprünglich aus zwei Einzel-Bildern besteht).  Auch ohne den Aspekt Mensch wäre sie minimalistisch geblieben, doch dessen Anwesenheit verstärkt für mich diesen visuellen Eindruck.

Apropos Planung, natürlich kann ich jemanden sagen, lauf mal schnell durch Bild und vielleicht würde es der Betrachter gar nicht merken – aber letzten Endes betrüge ich damit eigentlich mich selbst, denn ich bevorzuge Authensität, auch wenn sie wie in diesem Beispiel aus zwei Einzelbildern besteht. Natürlich hatte ich in einem Art Feldversuch einem Protagonisten gesagt, er solle mal in einem bestimmten Tempo und Haltung von links nach rechts durch Bild laufen. Herausgekommen ist nichts – diese Aufnahmen habe ich nie bearbeitet. Es war einfach nicht echt und irgendwie habe ich das auf dem Bild sehen können.

Dennoch gibt es Möglichkeiten ähnliche minimalistische Motive zu finden, die sich ein wenig planen lassen. Wichtige Voraussetzung ist allerdings sehr viel Geduld und natürlich auch Glück wie beispielsweise bei der Aufnahme im Grand Central Terminal oder aber auf der Brooklyn Bridge in New York City. Für die Aufnahmen im Grand Central Terminal wartete ich schon eine halbe Stunde, hatte schon ein paar Aufnahmen gemacht, war aber nicht zufrieden damit. Es war das buchstäbliche Chaos in den Bildern. Damit wollte ich mich aber nicht begnügen. Mir lief allerdings die Zeit davon, denn ich hatte nur eine zweistündige Fotogenehmigung bekommen.  Ich beobachtete die Menge und sah die Frau, die praktisch in der Mitte stand und ebenfalls ein Foto vom Terminal machte. Das war die Gelegenheit. Ich drückte auf den Fernauslöser und belichtete 10 Sekunden – auch in der Hoffnung sie würde mindestens diese Zeit dort verweilen. So war es dann auch – der Rest ist meine S/W Bildbearbeitung.

Mindestens genauso lange habe ich beispielsweise für das NYC Taxi gebraucht, welches ich auf der Brooklyn Bridge fotografiert habe. Sven Krohn hatte mich damals begleitet und war bestimmt nicht sonderlich amused, als ich mich nach einer halben Stunde immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte. Ich glaube ich habe vorher noch sie so viele Versuche benötigt um dieses eine Foto zu machen. Ein Dank an dieser Stelle an die Digitalfotografie. Mit meinem analogen Equipment, welches ich damals noch nicht hatte, wäre das unmöglich gewesen.

Ich mache jetzt mal lieber Schluss, obwohl ich euch noch ein paar Aufnahmenprozesse beschreiben könnte… Ich möchte euch mit dem Beitrag zeigen, dass diese Art der Vorgehensweise, also das studieren des Motivs, die Überlegung was ich Darstellen möchte und das Warten auf den richtigen Moment euch ein ganzes Stück weiter in eurer fotografischen Arbeitsweise bringen kann. Versucht doch selbst einmal durch die Stadt zu gehen und euch gezielt Motive auszusuchen, die minimalistisch wirken können. Das kann ein einzelner vorbeifahrender PKW sein, der mit einer sagen wir 20 Sekunde aufgenommen wird – ein einzelner Fahrradfahrer oder ein Passant, der gerade die Straße überquert usw…

Mich würde auch mal interessieren, wer sich schon in dieser Art der Fotografie versucht hat?

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17 Kommentare

  • Antwort Urs 18. Januar 2013 um 08:29

    Ein wirklich toller Artikel, macht Spaß zu lesen. Schade dass du soweit weg wohnst. Ich hätte super Lust mal mit dir durch meine Stadt (Köln) zu ziehen und von dir zu lernen. Mir gefallen deine Bilder sehr. Vielleicht bist du ja mal in Köln, dann würde ich mich freuen, wenn du etwas Zeit und Lust hättest und dich mal bei mir melden würdest.

    Mach weiter so. Freue mich schon auf deinen nächsten Artikel.

    Grüße aus Köln

    Urs

    • Antwort BlogTimes 18. Januar 2013 um 13:04

      Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit sogar dieses Jahr…

      • Antwort Tafelzwerk 18. Januar 2013 um 13:12

        Wenn du in Köln bist, erwarte ich aber, dass du das ganz groß ankündigst. 😛
        Ich will’n Autogramm und viel lernen 😉

        Spaß beiseite. Ich versuch mich an deiner beschriebenen Methodik. Klappt mal mehr, mal weniger gut. Sehe das mittelfristig als „den Weg“ für mich.

        • Antwort BlogTimes 18. Januar 2013 um 15:00

          Ob es Köln wird, weiß ich noch nicht, aber Deutschland 🙂

      • Antwort Jörg 18. Januar 2013 um 22:44

        Solltest Du in mittelfränkische Neuhof kommen, bin ich dabei 🙂

      • Antwort Urs 21. Januar 2013 um 13:06

        würde mich sehr freuen, wenn es Köln würde und du dann Zeit für einen kleinen Walk hättest.

  • Antwort Thomas 18. Januar 2013 um 11:54

    Hallo,

    ich lese gerade Stilpirats Logbuch und er beschreibt das als seinen „König“ im Bild.

    Gruß, Thomas

    • Antwort BlogTimes 18. Januar 2013 um 13:04

      Ja, dass ist auch ein guter Begriff es zu beschreiben…

  • Antwort Werner 18. Januar 2013 um 13:15

    Der Artikel hat mir Spaß gemacht! Vielen Dank für diesen Einblick in deine Arbeitsweise. Wie ich finde sehr lehrreich

  • Antwort Jörg 18. Januar 2013 um 22:47

    Hallo Ronny,

    ein sehr interessanter Einblick in Deine Arbeit. Ich mag diesen minimalistischen Stil, allerdings fällt es mir oft schwer diesen in meinen Bildern umzusetzen. Wie Du geschrieben hast, gehört oftmals einfach auch ein Quäntchen Glück dazu.
    Jetzt arbeite ich mal an meinen Bildern, vielleicht kommt dann das Glück auch zu mir :yes
    Lg,
    Jörg

  • Antwort mac 21. Januar 2013 um 20:33

    Was soll ich sagen, an dem Minimalismus scheint irgendetwas dran zu sein, denn die Bilder sind einfach nur genial!

    Vielen Dank fürs Teilen!

    Erfolgreiche Woche
    Matthias

  • Antwort Benni Wolf 25. Januar 2013 um 12:35

    Hi Ronny,
    du Beschreibst den Ansatz sehr der Minimalistik sehr gut.
    Das versuche ich bei meinen Fotos auch oft umzusetzen.
    Z.B. hier: http://www.benniwolf.de/ein-tag-auf-der-strasse-streetfotografie
    Schön geschrieben.
    LG
    Benni

  • Antwort Alexandre Miguel Mais 30. Januar 2013 um 21:53

    Ja, deine artikel lesen sich immer sehr angenehm und bieten gleichzeitig viele spannende informationen. Wirklich klasse fotos die deine idee sehr gut rüberbringen. Weiter so!

  • Antwort Thomas 3. Februar 2013 um 23:30

    Hallo Ronny,
    Ich finde den Artikel und deine Herangehensweise an die Bilder sehr interessant und lehrreich. Ich nehme mir wahrscheinlich oft nicht genug Zeit für meine Bilder. Ich war letztes Jahr auch in NYC und hatte wohl vorher deine Bilder gesehen, denn ich hatte die Motive von Grand Central Station und Brooklyn Bridge im Kopf als ich da war. Ich habe mir aber nicht so viel Zeit für ein Bild genommen. Das lag aber auch daran, dass ich mit meiner Freundin da war. Und wir weiterziehen wollten. 🙂 Aber deine Bilder haben mich inspiriert, auch so zu fotografieren. Danke.

  • Antwort Robert 21. Februar 2013 um 21:04

    Toller Artikel und echt beeindruckende Bilder!!

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