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Vergleichstest

Equipment, Fotografie, Testberichte

„35 rules the world“ – Vier Objektive im Vergleich

19. Januar 2012

Der heute Beitrag ist ein Gastartikel von Dr. Thomas Brotzler. Seines Zeichen Fotograf und Stammleser auf BlogTimes. Thomas hatte mir im Dezember 2011 erzählt, dass er einen Vergleichstest zwischen seinen Canon Objektiven, einem Zeiss und einen Lensbaby plant, da er mit dem Gedanken spielt, letztere zu kaufen.  Gesagt, getan und hier ist nun sein persönlicher Vergleichstest, der für mich gesehen, doch sehr überraschend ausfällt. Zudem stellt sich mir die Frage, wie ein ähnlicher Test mit Nikon Equipment aussähe!

So, genug gelabert… Thomas hat nun das Wort.

Einleitung

Der leichte Weitwinkelbereich von 35 mm kleinbildäquivalenter Brennweite kommt meinen fotografischen Themenschwerpunkten sehr entgegen – bei der Landschafts- und Nachtfotografie als oberes Ende, bei der  Streetfotografie als unteres Ende des Ausschnittspektrums – und ist mir insofern ans Herz gewachsen.

Zwei Ereignisse gaben mir Anlaß, meine Ausrüstung in diesem Brennweitenbereich nochmals zu überprüfen und diesen  Vergleich anzustellen: zum einen der Umstand, daß beim letztjährigen Mainzer Fine-Print-Forum bereits etwa die Hälfte der Teilnehmer (rekrutiert aus dem fortgeschrittenen Kollegium um Rolf Walther) mit Vollformat und Zeissobjektiven aufgenommene Bilder präsentierten; zum anderen die Neuerscheinung des Lensbaby Composer Pro mit Sweet 35 Optik (wobei dieses Objektiv in Hinblick auf seine Abbildunsqualitäten natürlich kein ernsthafter Vergleichskandidat ist).

Methodik

Getestet wurden zwei Zoom- und zwei Festbrennweitenobjektive im Bereich von 35 mm – das Canon EF 17-40 f/4.0 USM sowie das Canon EF 24-105 f/4.0 IS USM, mit denen ich schon seit geraumer Zeit arbeite; des weiteren das Zeiss Distagon T* 2/35 ZE und das Lensbaby Composer Pro mit Sweet 35 Optik, die ich mir beide anzuschaffen überlege.

Aufgenommen wurde mit der Canon EOS 5D Mark II als einem in meiner fotografischen Praxis bewährtem Rückteil im RAW-Format, platziert auf einem Manfrotto Stativ MA 055 XPROB Pro mit Manfrotto MA 405 Getriebeneiger Pro-Digital, bei manueller Fokussierung im maximal vergrößerten Live-View-Modus, Spiegelvorauslösung, zeitverzögerter Fernauslösung und kamerafernen Lichtquellen. Da Blende 8 laut Testseiten wie photozone.de oder traumflieger.de sowohl bei den beiden Canonobjektiven wie auch dem Zeissobjektiv an den Bereich des Abbildungsoptimums heranreicht, wurde diese zur besseren Vergleichbarkeit durchgängig verwendet.

Die Entwicklung der Bilder erfolgte mit Adobe Camera Raw 6.1 als Bestandteil von Adobe Photoshop CS5. Zum Ausgleich des eingesetzten Tiefpass-Filters (Anti-Aliasing) erfolgte eine Grundschärfung von 50/1/50/0. Die weiteren Parameter der RAW-Entwicklung waren neutral eingestellt (keine Tonwertverschiebungen, keine Rauschminderung, keine Vignettierungs- und Verzeichnungskorrektur etc.).

Die Weboptimierung und Verkleinerung der Bilder erfolgte als JPG mit minimaler Kompression auf eine Größe von 951 Pixel auf der langen und 679 Pixel auf der kurzen Seite. Die so erstellten Dateien enthalten freilich nur noch etwa 2% der Bildinformationen des RAW-Formats bzw. etwa 0.3% des 16-Bit-TIFF-Formats, so daß die Details hier nicht in vollem Umfang wiedergeben werden können.

Die Vergleichsergebnisse wurden mittels Sichtprüfung am Übersichtsbild bzw. in der 100%- oder 200%-Vergrößerung erhoben. Nicht durchgeführt wurde hingegen eine Vermessung bzw. Quantifizierung der Ergebnisse, hierzu kann bei Interesse auf die aussagekräftigen Untersuchungen der erwähnten Testseiten verwiesen werden.

Ergebnisse

A.Testbild

 

Die vier Bilder zeigen die Übersichtaufnahme des Testbildes. Die Vignettierung ist (wenig überraschend) beim Lensbaby am stärksten und zeigt sich beim Zeiss und den beiden Canons ausgewogen auf niedrigem Niveau. Die Verzeichnung ist bei allen vier Objektiven tonnenförmig, und ist beim Zeiss (ein erster Schock) sowie dem nicht getilten Lensbaby ziemlich ausgeprägt, während sie bei den beiden Canons recht moderat bleibt – ein Tick besser noch beim 17-40, wobei dieses an seinem langen Ende bauartmäßig besser dasteht; auch das gute Ergebnis beim 24-105, welches seine Qualitäten eigentlich nicht im Weitwinkelbereich hat und von mir üblicherweise erst ab 40 mm Brennweite genutzt wird, überrascht.

Die vier nächsten Bilder zeigen das Zentrum des Testbildes, auf welches auch fokussiert wurde. Hier sehe ich beim langen Canon die größte Prägnanz, dicht gefolgt vom kurzen Canon. Das Zeiss scheint mir mit einer weicheren Zeichnung schon etwas abzufallen. Auf gleichen Niveau ist das Lensbaby angesiedelt, was angesichts seiner vergleichsweise billigen Bauart wiederum überrascht.

Die nächsten drei Bilder zeigen ein Randdetail links oben mit größenmäßig absteigenden Schriftenreihen. Da das Lensbaby hier bauartbedingt nur noch ein nebliges Grau anzeigt, ist es hier nicht aufgeführt. Die beste Darstellung (prägnant und mit wenig Artefakten) sehe ich beim kurzen Canon, während beim langen Canon eine gewisse Grieseligkeit und leichte chromatische Abberationen auftreten. Die stärksten Artefakten zeigt (wiederum schockierend) das Zeiss.

Es folgen drei Bilder mit einem Siemensstern als Randdetail. Für das Lensbaby gilt das im vorherigen Absatz Gesagte. Die mehrfachen horizontalen Stufenbildungen fielen mir erst in der 200%-igen Auflösung auf. Diese haben nichts mit den Objektiven zu tun, sondern geben mir Anlaß, den Druckkopf meines Epson Stylus Pro 4880 nochmals zu justieren. Die zentrumsnahe klarste Darstellung sehe ich wiederum bei den beiden Canons, wobei beim langen Canon schon ein leichtes Moiré anliegt. Das Zeiss fällt deutlich ab und zeigte zum Zentrum hin eine etwas breiige Darstellung und ausgeprägtes Moiré.

B. Innenraumszene

Um nun von der Testsituation auch auf realistische Aufnahmeverhältnisse zu kommen, zeigen die nächsten vier Bilder die Übersichtsaufnahme einer Innenraumszene. Dargestellt ist ein Brunnen mit einem wasserspeienden Wiesel (vor längerer Zeit auf Sylt entdeckt, ins Herz geschlossen und gekauft) vor einer Holztreppe. Das Zeiss weist hierbei, wie ich meine, eine vergleichsweise prägnante, farbenfrohe und kontrastreiche Darstellung auf – insbesondere im Hintergrund, was mithin die Grundlage des von vielen beschworenen „3D-Looks“ der Zeissobjektive abgeben dürfte. Etwas weicher präsentieren sich demgegenüber die beiden Canons. Die Darstellung des Lensbabys ist etwas speziell, sie zeigt den typischen „sweet spot“ über der Brunnenfigur (das Objektiv wurde also getilt) und die weich auslaufenden Randbereiche – was manche mögen und andere wiederum nicht.

Die vier nächsten Bilder zeigen das Detail der Brunnenfigur, auf welche fokussiert (und beim Lensbaby getilt) wurde. Die Darstellung scheint mir bei den beiden Canons am prägnantesten, schon etwas abfallend beim Zeiss und noch mehr beim Lensbaby (der „sweet spot“ endet im unteren Bereich bereits).

Zum Abschluß der Innenraumszene folgen noch vier Bilder mit einem zentrumsnahe gelegenen Hintergrunddetail. Das Bokeh erscheint mir etwas weicher beim Zeiss und beim Lensbaby, etwas rauher bei den beiden Canons,  aber riesig sind die Unterschiede nicht.

B. Naturszene

Es geht weiter mit vier Bildern in der Übersichtsaufnahme eines Holzstosses vor einer winterlich kahlen Hecke. Erneut erkenne ich beim Zeiss jenen phantastischen räumlichen Eindruck, den die beiden Canons in der unbearbeiteten Form nicht vermitteln können. Die erhebliche tonnenförmige Verzeichnung des Zeiss‘ wäre in der isolierten Betrachtung kaum erkennbar, fällt in der Vergleichsbetrachtung aber auf. Das Lensbaby macht wiederum „das, was das Lensbaby kann“ – seltsam irreale Welten erschaffen, wobei ich persönlich es bei ernsthaften Aufnahmen für solche Motivwahl kaum verwenden würde.

Die vier nächsten Bilder zeigen die Stirnseite der vordergründigen Holzscheite, auf welche fokussiert (und beim Lensbaby getilt) wurde. Wie schon bei der Innenraumszene scheint mir die Detailsdarstellung bei den beiden Canons am prägnantesten, etwas weicher beim Zeiss und noch mehr beim Lensbaby.

Zum Abschluß dieser Bildsequenz zeige ich noch eine Vergrößerung des Randbereichs links oben, mithin also eine Darstellung des Hintergrundes. Das Lensbaby ist hier weggelassen, weil dieser Bereich überhaupt keine Zeichnung mehr aufweist. Ich meine, daß das Zeiss hier ein Stückweit das Geheimnis der so räumlichen Wirkung lüftet – man beachte die auch im defokussierten Bereich noch recht ansehnliche Prägnanz und Kontrastierung. Das lange Canon kann hier nicht mithalten, das kurze Canon schon gar nicht.

B. Nachtszene

Die letzte  Bildsequenz zeigt eine nächtliche Industrieszenerie, zunächst mit drei Bildern in der Übersichtsdarstellung – es war ziemlich kalt, die Handschuhe waren zuhause (wo auch sonst?) und die Finger entsprechend klamm, so daß ich mir das „Aufsteckgeprimmel“ des Lensbabys nicht mehr angetan habe. Da Randstreifen, Treppe und Gatter in der Realität seltsam windschief waren (und die morbide Atmosphäre vor Ort verstärkten), kann man hier zur Verzeichnung wenig sagen. Der in den Vorsequenzen beschriebene räumliche Eindruck des Zeiss‘ kommt in dieser „kunstlichtbeseelten“ Szenerie nach meinem Dafürhalten nicht wirklich zum Tragen. Das veränderte Licht unter der Treppe beim kurzen Canon sollte nicht irritieren, hier fuhr zwischenzeitlich ein Auto hinter mir vorbei.

Es folgen die Detaildarstellungen des Fokus, der auf dem hinteren Teil des Randstreifens lag. Gravierende Unterschiede in der Prägnanz zwischen dem Zeiss und den beiden Canons kann ich hier nicht erkennen. Zum Abschluß noch ein Hintergrunddetail des in der Übersicht etwa im goldenen Schnitt links oben gelegenen Türknaufs und Lichtschalters. Bei der Darstellung des Zeiss‘ gehen einem die Augen über, während das lange Canon hier nur mühsam, das kurze Canon hingegen überhaupt nicht Schritt halten kann.

  

Fazit

Zunächst darf ich nochmals auf das Zustandekommen und die Methodik dieses Vergleichstests hinweisen: die beiden eingangs genannten Ereignisse, also die „verschärfte Voraugenführung“ von mit Zeissobjektiven aufgenommen Bildern durch befreundete Fotografen und die Neuerscheinung des Lensbabys in der nunmehr dritten Generation, gaben mir Anlaß, mein Weitwinkelarsenal im 35-mm-Bereich nochmals zu überprüfen und über Ergänzungen nachzudenken.

Mein Ansatz war entsprechend ein sehr praktischer bzw. praxisbezogener, eben „ein sichtender und nicht vermessender“. Mit berücksichtigt ist dabei der Umstand, daß ich in meine Arbeiten in Ausstellungen und Wettbewerben ausschließlich in Schwarzweiß präsentiere und die Aufnahmen vor Ort so grundsätzlich nur als Ausgangsmaterial für eine aufwendige Umwandlung und Nachbearbeitung („digitale Dunkelkammer“) fungieren.

Zunächst zum Bestand der beiden Canons: überzeugt haben mich die geringen Verzeichnungen, die gerade bei Nacht- und Industrieaufnahmen schon von Bedeutung sind. Natürlich läßt sich bei stärkerer Verzeichnung noch manches in der Objektivkorrektur von Adobe Camera Raw 6.1 bzw. Photoshop ausgleichen – aber dies geht einerseits mit einer Pixelinterpolation und damit unweigerlich mit Qualitätseinbußen einher; andererseits ist es, da ich meine Bilder sehr stark von den Rändern her komponiere, nicht mehr das gleiche Bild, wenn die festgelegten Ecken und Linien im Zuge der verschärften Verzeichnungskorrektur „ins Unsichtbare abhauen“. Etwas überrascht war ich von den Abbildungsqualitäten des langen Canons im leichten Weitwinkelbereich, die teilweise die des kurzen Canons überstiegen, wobei dies von der vergleichsweise stärkeren Artefaktbildung im Randbereich des langen Canons gekontert wird.

Und das Zeiss? Es vermittelt mir einen sehr gemischten Eindruck. Positiv herauszuheben sind die in der Übersicht im Sinne von Prägnanz, Kontrastierung und Farbfreude beeindruckenden Abbildungsleistungen; auch der immer wieder beschworene „3D-Look“ ist kein Phantom, sondern Fakt im Sinne einer sehr  klaren Hintergrunddarstellung. Beim  genaueren Hinschauen offenbaren sich aber markante Schwächen dahingehend, daß die zentrums- bzw. fokusnahe Darstellung in der Vergrößerung teilweise sogar hinter  den Canons hinterherhinkt; und, noch wichtiger, ist der Grad der Verzeichnung und der Randartefakte schließlich als geradezu desaströs für ein Objektiv dieser Preisklasse zu bezeichnen. Die genannten Einschränkungen mögen bei der Landschaftsfotografie keine entscheidende  Rolle spielen, bei der Nacht- und  Architekturfotografie tun sie es sehr wohl. Auf den Umstand, daß sich bei solchem Ausmaß an nötiger Verzeichniskorrektur das Bild vor Ort nicht mehr richtig komponieren läßt, hatte ich hingewiesen; auffällig war ferner, daß die automatische und objektivspezifische Korrektur von Adobe Camera Raw 6.1 bzw. Photoshop die Fehler nur unzureichend behebt, was also eine aufwendige manuelle Nachkorrektur erforderlich macht. Zusammengefaßt kommt das Zeiss für meine Anforderungen also eher nicht in Frage.

Positiv überrascht hat mich das neue Lensbaby. Ich kenne diese Art von Objektiven ja nunmehr schon in der dritten Generation und kann insofern sagen, daß sich Wertigkeit, Handhabbarkeit und Abbildungsleistungen seitdem deutlich verbessert haben. Man kann schnell und sicher fokussieren und den Tilteffekt im Sinne der dramaturgischen Bildgestaltung leichthin einsetzen. All das braucht gewiß immer noch einige Übung, die vormals monatelange und ausschußhaltige Frustration verkürzt sich nach meinem Eindruck aber erheblich. Ich werde mir dieses neue Lensbaby anschaffen und es vornehmlich in der experimentellen Streetfotografie einsetzen.

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Dr. Thomas Brotzler, monochrome Fine-Art-Fotografie mit den Schwerpunkten Landschaft, Nacht und Street. Künstlerische Ausbildung bei Reinhold Haas / Biberach a. d. Riß, Torsten A. Hoffmann (DGPh) / Frankfurt a. M. und Rolf Walther (DGPh) / Mainz. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Sowie mehrere Auszeichnungen. Weitere Infos unter  http://www.brotzler-fineart.de.

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