Interviews

Stéphane Suisse – The soul of Lyon

1. Juli 2011

Der nachfolgende Beitrag stammt vom Fotografen Ronny Behnert. Als freier Redakteur auf BlogTimes wird er mich bei zukünftigen Projekten und im Bereich der Vorstellung von Fotografen unterstützen.

Mein erstes Interview möchte ich mit einem Fotografen beginnen, dem ich schon vor einiger Zeit begegnet bin. Stéphane Suisse aus Lyon. Seine Serie „LÂme de Lyon“ (dtsch.: Die Seele Lyons) hat mich am meisten begeistert, so dass ich unbedingt mehr von diesem französischen Künstler erfahren wollte.

Hallo Stéphane. Vielen Dank für Deine Zusage zu diesem Interview, erzähle uns doch zuerst etwas über Dich.

Ich bin Autodidakt und habe mir mein fotografisches Wissen selbst beigebracht.  Seit mittlerweile sechs Jahren lebe ich mit meiner Familie zusammen in der schönen Stadt Lyon. Ich arbeite in einer großen, internationalen Firma und parallel dazu bin ich als Fotograf tätig. Außerdem arbeite ich mit ausgewählten Galerien in Frankreich und Umgebung zusammen.

Meine fotografische Entwicklung begann als ich 12 Jahre alt war. Damals besuchte ich einen Kurs an einer Fotoakademie in Arles, wo ich das erste mal meinen Spaß am Spiel mit der Realtität und der abstrakten Wahrnehmung entdeckte. Später, im Jahr 1998, begann ich damit, analoge Fotografien des Büroviertels „La défense“ zu schießen. Dies waren meine ersten Werke an denen ich unbefangen und ausgelassen arbeiten konnte um meine eigenen Vorstellung zu verwirklichen, was mir weitaus mehr gefiel.

Heute sehe ich die Fotografie als eine Art lange Wanderung, auf der ich neue Bereiche und kurze Momente entdecken kann, die sich innerhalb von Sekunden entfalten. Am liebsten fotografie ich Stadt- und Wasserlandschaften in Schwarzweiß und Farbe.

Zu aller erst fiel mir als Betrachter die einheitliche Formatwahl Deiner Fotografien auf. Das quadratische Bildformat scheint Dich sehr zu begeistern, da Du es zum Großteil benutzt. Aus welchem Grund hast Du Dich für diese Bildpräsentationen entscheiden und welche Intention verfolgst Du in der Fotografie?

Du hast Recht. Das Quadrat ist eindeutig mein Lieblingsformat. Meiner Meinung nach  ist es einfacher den Fokus im Quadrat auf ein bestimmtes Bildmerkmal zu setzen. Jeder Teil im Quadrat muss perfekt komponiert werden um eine  ästhetische und harmonische Bildwirkung zu erzielen. Dies stellt eine große Herausforderung dar, da es selten einfach ist eine optische Harmonie in vier gleichlangen Seiten zu erzeugen. Für mich ist es letztendlich eine Frage des Gefühls. Minimalismus und die schlichte Szenerie kann ich betonter im quadratischen Format hervor heben als im rechteckigen Foto, so dass ich schon allein deswegen das Quadrat bevorzuge.

Das Foto an sich ist wie ein Fenster zur Welt, welches mir die Möglichkeit gibt meine Umwelt anders zu erleben als in der Realität. Zumindest wünsche ich mir das…

Im Mai wurdest Du im Rahmen der Black & White Spider Awards lobenswert erwähnt und Dein Foto „Hurry Man“ wurde sogar nominiert. Wie wichtig sind Dir solche Preise und wo möchtest Du mit Deiner Fotografie einmal hin?

Meine erste Wettbewerbsteilnahme fand 2009 statt. Ich nahm in der Hoffnung teil eine Bestätigung meines Schaffens zu erhalten. Wie für viele kreative Köpfe, die an Wettbewerben teilnehmen, war ein weiterer Beweggrund natürlich die Anerkennung und der Bekanntheitsgrad, den man dadurch erhält. Fotoausschreibungen wie die „Spider Awards“ sind eine gute Gelegenheit seine Fotografien einem breiteren Publikum zu zeigen um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen, jedoch nicht mehr. Ich konzentriere mich eher darauf Fotografien zu erschaffen, die mir selbst gefallen. Wenn sich daraus ein paar Auszeichnungen oder Geschäftskontakte ergeben, freue ich mich sehr darüber. Dies ist jedoch nicht meine Intention. Es ist einfach ein tolles Gefühl zusammen mit bekannten Fotografen aus der ganzen Welt in einer Art modernen Ausstellung im Internet gefördert und gezeigt zu werden.

Seit Kurzem werde ich in den PX3 Awards 2011 ebenfalls lobend in Zusammenhang mit meiner Serie „Memories“ erwähnt.

Herzlichen Glückwunsch auch dafür. Deine Serie „Souvenirs“ (dtsch.: Erinnerungen) weist auf ein ausgesprochen sensibles Auge hin. Und ich gehe davon aus, dass viele persönliche Gedanken damit verbunden sind. Mich würde Deine Intention, gerade zu dieser Serie sehr interessieren. Welche Gedanken verbindest Du mit „Souvenirs“?

Dieses Projekt widmet sich vor allem Orten und Plätzen, die an bestimmte Geschichten und Ereignisse erinnern, die dort geschehen sind, bzw. die ich erlebt habe. Die Fotos sind für mich wie die Falten eines Gesichts, das durch die Zeit geprägt wurde. Sie sind da und weisen auf ein bewegtes Leben hin. Während meiner vielen Wanderungen durch Frankreich habe ich etliche Landschaften erkundet die durch verschiedene geschichtliche Epochen stark geprägt und beeinflusst wurden. All diese Landschaften ließen mich eine Persönlichkeit erkennen.  Jeder Ort hat für mich eine Seele und etwas Lebendiges, das ich unter meinen Füßen spüren konnte.

„Souvenirs“ ist wie eine unvollendete Geschichte, durch die ich versuche längst vergessene Erinnerungen wieder zurück in den Kopf des Betrachters zu transportieren. Ich kann nicht erklären weshalb, aber ich bin sehr beeindruckt von solchen Orten die mich stark bewegen. Diese Gründe treiben mich immer weiter voran auch weitere Plätze zu entdecken um neue, ungewöhnliche Entdeckungen zu machen. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich sehe es als eine gute Mischung aus verschiedenen Emotionen, die ich als notwendig betrachte um zu fotografieren.

Und gerade diese Emotionen machen Deine Fotografien so zerbrechlich und sensibel. Um auch die technische Seite Deiner Fotografien zu beleuchten kommen wir mal zu diesem Thema. Mich würde sehr interessieren ob Du, wie viele Fotografen, mit der analogen Fotografie begonnen hast oder gleich in die digitale Technik eingestiegen bist?

Ich habe tatsächlich mit der analogen Fotografie begonnen, aber sobald es mir möglich war wechselte ich zur digitalen Seite. Digitale Fotografien sind für mich leichter zu bearbeiten, was für mich aber nichts am Ansatz der Fotografie ändert. Oft experimentiere ich gerade mit meinen Schwarzweißfotos herum um eine Art analogen Stil zu erhalten. Berühmte Fotografen, wie Raymond Depardon und Michael Kenna, aber auch Fotografien aus der Zeit meiner Großeltern in unserem Familienalbum begeistern und beeinflussen mich dabei sehr. Viele meiner Arbeiten sind reine Interpretationssache. Die Fantasie ist der Schlüssel zu vielen intimen Orten und Visionen, egal ob nun digital oder analog festgehalten.

Wie wichtig ist Dir die digitale Bildbearbeitung in Deinen Aufnahmen?

Das RAW-Format bietet mir die besten Möglichkeiten trotz starker Bearbeitung ein qualitativ hochwertiges Foto zu erzeugen, bzw. zu behalten. Das Fotografieren an sich ist für mich aber immer noch der wichtigste Teil des Gesamtprozesses, egal mit welcher Ausrüstung ich meine Fotos schieße. Essentiell sind für mich nur meine Kamera, diverse Filter und mein Stativ. Die digitale Bearbeitung ist ein wichtiger Schritt in der Entstehung eines Fotos, in der man dem Bild durch verschiedene Akzente den letzten Schliff verpassen kann. Ein sehr wichtiger Arbeitsschritt ist auch die Entfernung von Sensorflecken sowie die Schwarzweißkonvertierung, die ich ausschließlich digital vornehme. Das Quadrat beschneide ich ebenfalls erst im Bildbearbeitungsprogramm. Innerhalb einer Serie verwende ich meist die gleichen Bearbeitungsschritte um eine ausgewogene Bildreihe zu erhalten. Der letzte Schritt stellt meist die Auswahl der brauchbaren Fotos für den Druck dar, der qualitativ einfach großartig wirken muss. Generell drucke ich selbst auf Hahnemühle-Papieren.

Deine Fotografien aus der Serie „LÂme de Lyon“ begeistern mich am Meisten.  Das Foto „Les toits“ gefällt mir hieraus übrigens am Besten. Erzähle mir doch mal was Dich besonders an Lyon so sehr fasziniert. Warum wolltest Du Deine persönlichen Blickwinkel dieser schönen Stadt einem breiteren Publikum zugänglich machen?

Lyon ist eine wunderschöne Stadt, die umgeben ist von Flüssen, Bergen und Denkmälern. Ich möchte verschiedenen Plätze in Lyon durch die langen Belichtungszeiten ein neues Gesicht geben. Vielleicht auch um verschiedenen Gebäuden ein paar Geheimnisse zu entlocken, die durch kurze Belichtungszeiten verborgen geblieben wären. Generell erhalten meine Fotos durch diese Aufnahmetechnik einen völlig neuen Reiz, unabhängig von den Jahreszeiten da ich das ganze Jahr über unterwegs bin. Meine Intention ist, durch meine Fotos die Stadt neu zu entdecken. Der Betrachter soll sich die Zeit nehmen die Gebäude, Brücken und das gesamte Stadtbild zu erkunden. Die Fantasie des Zuschauers soll angeregt werden um ihn mit meiner poetischen Version dieser Stadt zu berühren. Der Betrachter soll ein Akteur werden und selbst am Leben in Lyon teilnehmen.

Kurz gesagt wollte ich mir selbst die Zeit nehmen um alltägliche Orte, in denen wir leben zu fotografieren. Nehmt Euch einen Moment Zeit um einen Gang zurück zu schalten und dieser schnelllebigen Zeit zu entfliehen.

Zum Schluss bin ich gespannt welche Projekte Du in Zukunft vor hast. Hast Du Lust uns ein bisschen zu verraten oder möchtest Du Deine Unterstützer und Fans überraschen?

Auf alle Fälle werde ich meine Serien „L’Âme de Lyon“ and „Souvenirs“ fortsetzen, obwohl ich glaube, dass ich sie nie fertig stellen werde. Geplant sind ein paar Ausstellungen in Lyon und Umkreis. Es wäre ebenfalls toll wenn ich meine Fotos in einem Bildband zusammenfassen könnte, den ich 2012 heraus bringen möchte. Ansonsten werde ich weiterhin, als Liebhaber des Meeres, Fotografien von verschiedenen Küstenabschnitten veröffentlichen. Geplant sind aber auch ein paar neue Projekte,  die sich u.A. mit Personen in ungewöhnlichen Situationen befassen. Eine völlig neue Sparte, in die ich eintauchen möchte und auf die ich sehr gespannt bin.

Stephane, ich danke Dir sehr für Deine Einblicke und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg.

Zu sehen sind seine Aufnahmen auf www.stephanesuisse.com und auf Facebook. Ich bin mir sicher, wir werden noch Einiges von ihm sehen.

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1 Kommentar

  • Antwort hiacynta jelen 2. Juli 2011 um 13:48

    Ein wirklich sehr interessanter und inspirierendes Interview. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bei Fotos das quadratische Bildformat nicht mag, ich habe immer den Eindruck, dass da etwas fehlt. Aber Stephane schafft es doch, dass mir das Format gefällt. Hier habe ich nicht dein Eindruck,dass etwas fehlt. Es wirkt wirklich alles sehr stimmungsvoll.

    Gruß

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